Böses, böses Tinder

 

Eine halbe Seite hatte ich schon voll mit Kritik an der Kritik von Gegnern des Online-Datings, speziell Tinder. Aber das scheint mir nicht fair, ich versuche es also nochmal und beziehe mich nur auf meine Erfahrungen und meine Gedanken dazu.

In letzter Zeit wurde ich den Eindruck nicht los, dass mir von überall Tinderkritik entgegen springt. Oder gleich Kritik an unserer gesamten Generation oder speziell am heutigen Datingverhalten. Was so alles schief gehen kann fängt schon beim Schreiben vor einem Date an, zieht sich weiter über die Begrüßung bei einem Date, die Auswahl der Aktivität bei einem Treffen, das Schreiben und die Häufigkeit an Treffen danach, wie lang mit dem Sex warten, wann Datingapps löschen. Oder gleich Grundsatzdiskussionen darüber, wie man denn nun die Bekanntschaft klassifiziert, als was „lockeres“, eine Freundschaft plus, Treffen mit offenem Ende, oder es wird direkt per Holzhammermethode festgestellt, dass es um etwas Ernstes gehen muss.

Hätte ich das alles vorher schon gewusst, hätte ich Tinder nie installiert. Wäre nie zu einem Blinddate gegangen.

Und ganz ehrlich jedem das Seine. Ich selbst bin nicht gerade eine unkomplizierte Datingpartnerin. Gehe ich das Ganze von meiner Seite entspannt an, bin ich die Gelassenheit in Person, dafür stehen dann aber auch die Chancen für eine enge Bindung eher schlecht. Und hab ich dann doch großes Interesse, werde ich unsicher und brauche von meinem Gegenüber eine Sicherheit, bei der ich mir im Gegenzug gerade am Anfang beim Zurückgeben sehr schwer tue. Außerdem mag ich es den Moment zu zelebrieren und die gemeinsame Zeit zu etwas besonderem zu machen. Das hängt die Ansprüche gelegentlich dann doch recht hoch, nehme ich mal an. Und so wird jeder seine persönlichen kleinen und größeren Macken haben. Gerade beim Dating oder ganz insgesamt bei Begegnungen mit Menschen. Gerade dann wenn man jemanden nah an sich heran lässt.

Aber hat das wirklich etwas mit dem Wandel beim Dating zu tun? Sind das so neue, so fremde Probleme und Erfahrungen, die sich durch das Online-Dating ergeben? Meiner Meinung nach nicht. Sieht man Tinder nur als App für lockere Treffen, bei denen im Vordergrund Sex steht; waren das vor fünfzehn Jahren eben Aufreißer-Bars, bei denen einem als Frau gern der Hintern getätschelt wurde. Natürlich ohne Einladung dazu. Wenn man inzwischen beim Schreiben schon vor dem (ersten) Treffen alle möglichen Bereiche nach Übereinstimmungen abklopft, trifft man so eine Vorauswahl, die man zuvor eben über Freunde, gemeinsame Hobbies oder sonstige Berührungspunkte getroffen hat, bei denen man sich auch ohne App über den Weg laufen konnte.

Und einer meiner liebsten Punkte: Nur weil es Online-Dating gibt, heißt das ja nicht, dass man sich nicht ganz oldschool auf der Straße kennenlernen kann. Oder im Supermarkt. Oder an einem Bahnhof, wenn man auf einen verspäteten Zug wartet. Oder oder oder. Und großes Plus gerade das könnte das jeweilige Gegenüber als etwas besonderes zu schätzen wissen. Das Phänomen, dass gerade Frauen förmlich überflutet werden bei Apps, müsste bekannt sein. Aber in der Theorie müsste man ja ebenso in der realen wie in der virtuellen Welt eine große Auswahl an möglichen interessierten Partnern haben. Weil diese Meister der Smartphonetastatur ja alle in der mehr oder weniger unmittelbaren Umgebung physisch anwesend sind. Warum also nicht den Mut entwickeln offener gegenüber neuen Begegnungen zu sein? Und nicht erst nach der Bestätigung, dass der andere auch in die richtige Richtung geswypet hat.

Wobei ich mir allerdings, auch was mich betrifft unsicher bin, ist was die Auswahl möglicher Matches mit einem macht. Wenn ein Treffen oder ein Chat nicht ideal verläuft, kann man ohne größeren Aufwand quasi sofort das Gegenüber ersetzen. Das macht leichtfertig und vielleicht gelegentlich überkritisch.

Dass Zuneigung jedoch Zeit braucht und dass Nähe eben nicht nur durch Schreiben entsteht und dass man nicht alles auf den ersten Blick in seiner ganzen Tiefe erfasst, diese Erkenntnis hat auch bei mir gedauert.

Meine Erfahrungen waren dennoch insgesamt ziemlich gut. Und eventuell zieht man ja das an, das man selbst nach außen spiegelt. In meinem Fall Optimismus gegenüber Dates. Und eine ordentliche Portion Romantik. Eine Art Pommes-an-der-Spree-essen-mit-einem-Bier-in-der-Hand-Romantik. Aber dennoch Romantik. Wenn auch nicht in der typischen Hollywood-Art. Oder ich bin einfach naiv. Ein bisschen blind möglicherweise auch. Weil ich mir vieles einfach nicht kaputt machen lassen möchte oder mir gar selbst kaputt machen. Aber ich mag meine kleine Seifenblasenwelt. Und ich sehe nicht ein mir meine Weltsicht zerreden zu lassen. Da bin ich lieber Gänseblümchen statt dorniger Rose.

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3 Antworten auf “Böses, böses Tinder”

  1. Sehr schön geschrieben! Eben die Tatsache, dass ein Mensch vom potenziellen Partner im echten Leben auf ein Bild im Smartphone reduziert wird und durch einen Wisch auf Nimmer-Wiedersehen aus deinen Augen verschwindet, austauschbar wird und man sich so oft nicht mehr die Zeit und die Mühe macht, einen Menschen besser kennen zu lernen, finde ich in der heutigen Zeit abstoßend.
    Mach weiter so, liebe Grüße aus L. 🙂

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  2. Sehr schön geschrieben! Eben die Tatsache, dass ein Mensch vom potenziellen Partner im echten Leben auf ein Bild im Smartphone reduziert wird und durch einen Wisch auf Nimmer-Wiedersehen aus deinen Augen verschwindet, austauschbar wird und man sich so oft nicht mehr die Zeit und die Mühe macht, einen Menschen besser kennen zu lernen, finde ich in der heutigen Zeit abstoßend.
    Mach weiter so, liebe Grüße aus L. 🙂

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    1. Ja genau das Problem sehe ich auch und finde man sollte sich das bewusst machen. Wobei ich es insgesamt nicht ganz so negativ sehe weil ich denke, dass man da auch gegensteuern kann und das eben nicht nur mit dem Online-Darin zusammenhängt, sondern ich glaube, dass sich die Frage egal in welcher Generation gestellt hat, wie sehr man sich auf andere einlässt und wie viel man investiert. 🙂

      Liebe Grüße 🌼

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