Entladung

Du beziehst das Bett frisch, während ich mit einem Glas Wein in der Hand auf dem Stuhl in deinem Schlafzimmer sitze, der sonst über und über mit Wäsche vollgestapelt ist. Ich weiß, dass du es schön für mich machen wolltest und die Wohnung aufgeräumt hast. Was vermutlich auch der einzige Grund ist, warum man auf dem Stuhl mal sitzen kann, ohne ewig mit Freiräumen beschäftigt zu sein.

Es ist schon mitten in der Nacht. Ich musste lang arbeiten und so haben wir uns mal wieder erst getroffen, wenn die meisten mit ihrer Abendplanung schon am Ende sind. Selten habe ich mir nachts so oft die Sterne angeschaut oder so viele Sonnenaufgänge miterlebt, wie in der Zeit mit dir. Einfach weil wir um die Zeit oft noch zusammensitzen, lachen, reden, diskutieren oder auch kochen. Und ich liebe das. Egal wie logistisch kompliziert es gelegentlich erscheinen mag, die Zeit mit dir ist besonders.

Aber zurück zum dem Abend von dem ich erzählen möchte. Also ich sitze – wie ich finde – dekorativ in deinem Schlafzimmer. Für dich habe ich mich extra zurecht gemacht. Mir was anderes angezogen, meinen Lippenstift aufgefrischt und zwei Sprüher von dem Parfüm, das du mir geschenkt hast. Du trägst das neue Hemd, das mir so gut an dir gefällt und hast meinen Lieblingswein mitgebracht. So weit so gut. Vielleicht zu gut. Denn natürlich ist so ein Abend, der unter Erfolgsdruck steht, zum Scheitern verurteilt. Von flapsigen Albereien über den Tag, kommen wir plötzlich zu komplizierteren Themen. Wir werden beide aufmerksamer und ein Wort ergibt das andere. Du fühlst dich nicht genug wertgeschätzt und ich finde du verstehst absolut nicht worauf ich hinaus will oder zumindest, dass du es garnicht erst verstehen möchtest. Die Stimmung heizt sich auf. Du hast längst das Bettzeug weggelegt und versuchst an mein Weinglas heranzukommen. Ich weiche dir aus und funkel dich an. Du machst einen Schritt auf mich zu und ich drei Schritte um das Bett herum, weg von dir. Du läufst mir hinterher. Für mich wird es zu einer Art Spiel, dir stattdessen auszuweichen. Es ist nicht so, dass ich dich ärgern will, aber wenn du direkt vor mir stehst, wirkst du so viel größer als ich und ich muss zu dir hoch schauen. Das mag ich bei Diskussionen so garnicht. Da laufe ich lieber wild gestikulierend um dich herum oder stehe zwei Meter entfernt von dir. Es baut sich immer mehr Spannung auf. Bei uns beiden. Die Müdigkeit von vor einer halben Stunde ist komplett verflogen. Und der ganze Raum ist voller Energie. Die Woche war lang und dann kommen Kleinigkeiten zusammen und offenbar sind das alle Kleinigkeiten der letzten Woche, die sich hier entladen wollen.

Und so stehen wir voreinander und diskutieren Dinge, von denen wir beide wissen, dass der andere nur versucht hat alles richtig zu machen. Ich schaue dich an und mir wird klar, dass der Streit absurd ist. Dass es kein richtiges Streitthema gibt und wir beide nur Energie loswerden. Und fast rutscht mir ein Lächeln heraus. Und irgendwie scheinst du das gesehen zu haben, denn du nimmst mich in den Arm. Aber so weit bin ich noch nicht, ich boxe dich auf die Schulter und jage dich durch die Wohnung. Bis ich aus der Puste bin. Ich lasse mich auf das zur Hälfte frisch bezogene Bett fallen und fange an zu lachen. Deine Augen funkeln und um deine Mundwinkel zuckt es schon. So stehst du noch kurze Zeit da und siehst mich an. Dann lässt du dich zu mir auf das Bett fallen. Ich ziehe deinen Arm unter meinen Kopf und freue mich einfach, dass du bei mir bist. Denn ich möchte mich mit niemand anderem an einem Mittwoch nachts über ein Bügeleisen streiten.

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